#114 – Exit Incel: Interview mit Oliver

Menschlich bleiben trotz sexuellem Frust

Der Begriff „Incel“ (Involuntary Celibate = unfreiwillig zölibatär) löst meist sofortige, düstere Assoziationen aus: Frauenhass, Gewaltfantasien, Online-Hassrede und in den schlimmsten Fällen Terrorakte. Doch hinter dem Begriff steckt oft eine tiefgreifende, schmerzhafte Einsamkeit.

In der aktuellen Podcast-Folge spricht Sonja mit Oliver. Oliver ist 55 Jahre alt und blickt auf eine lange Lebensphase zurück, in der er keine sexuellen Beziehungen hatte, obwohl der Wunsch danach da war. Er sag er sah sich selbst lange Zeit als Betroffener – und doch ist er nicht in die toxische Spirale des Frauenhasses abgerutscht. Stattdessen sitzt Sonja ein reflektierter, feministischer und warmherziger Mensch gegenüber.

Wie ist ihm das gelungen? Und was können wir als Gesellschaft tun, damit sexuelle Frustration nicht in Gewalt umschlägt?

„Warum bin ich nicht abgerutscht?“

Oliver beschreibt seine Situation sehr offen: Er hatte Interesse an Sex und Beziehungen, aber es kam einfach nicht zustande. Viele Jahre lang. Er kennt den Schmerz, die Zurückweisung und die Einsamkeit, die oft den Nährboden für die Incel-Ideologie bilden.

Er hat sich intensiv die Frage gestellt: Warum bin ich eigentlich nicht in diese frauenfeindlichen, gewalttätigen Aspekte reingekommen?

Im Gespräch arbeiten Sonja und Oliver 5 Schutzfaktoren heraus, die ihn vor einer Radikalisierung bewahrt haben:

  1. Nicht nur online leben: Oliver hat sich nie ausschließlich in digitalen Echokammern bewegt, wo sich Frustrierte gegenseitig in ihrem Hass bestätigen.
  2. Ein gemischtgeschlechtlicher Freundeskreis: Er hatte immer platonischen Kontakt zu Frauen. Er hat Frauen als Menschen erlebt, nicht als mystifizierte Objekte oder Feindbilder. Er sah echte Beziehungen mit all ihren Höhen und Tiefen, was ihn vor einer Idealisierung von „Sex als Heilmittel für alles“ bewahrte.
  3. Hobbys und Leidenschaften: Durch Aktivitäten wie Pen-&-Paper-Rollenspiele hatte er soziale Anbindung und Bestätigung außerhalb der sexuellen Sphäre.
  4. Ein stabiles Wertesystem: Werte wie Menschenrechte und Gleichberechtigung waren ihm immer wichtig.
  5. Bildung und Privilegien: Oliver reflektiert auch, dass ihm sein Bildungshintergrund und das Fehlen existenzieller Armut geholfen haben, nicht nach Sündenböcken zu suchen.

Der Mythos: Sex als Lösung für alles

Ein spannender Moment im Interview war, als Oliver beschreibt, wie er schließlich doch sexuelle Erfahrungen sammelte und wie sich seine Sichtweise dadurch veränderte. Er hatte Sexualität jahrelang auf ein Podest gehoben, ihr fast magische Heilkräfte zugeschrieben.

Die Realität? Es war schön, es hat einen Druck gelöst – aber es war nicht das allumfassende Wundermittel, das sein Leben komplett umkrempelte. Diese Erkenntnis ist wichtig: Sexuelle Intimität ist ein menschliches Grundbedürfnis, aber sie ist kein Ersatz für Selbstwert oder psychische Stabilität.

Wege aus der Isolation: Polyamorie und Ehrlichkeit

Interessanterweise fand Oliver seinen Weg in die Partnerschaft auch durch die Auseinandersetzung mit alternativen Beziehungsformen. Polyamorie und Beziehungsanarchie boten ihm ein Framework, in dem offener kommuniziert wird.

Sein Tipp für den Umgang mit Dating und Zurückweisung ist fast schon stoisch:

„Sich auf eine Niederlage einstellen.“

Das klingt pessimistisch, ist aber ein enormer Schutz. Wer ein „Nein“ als legitime und wahrscheinliche Option einkalkuliert, wird von der Ablehnung nicht zerstört. Nur wer ein Nein akzeptieren kann, kann ein echtes Ja bekommen.

Zudem betonte er, wie wichtig es ist, die richtige Person zum richtigen Zeitpunkt zu fragen. Seine erste sexuelle Erfahrung ergab sich aus einer ehrlichen, offenen Frage an eine Bekannte: „Kennst du jemanden, der mit mir Sex haben würde?“ – woraufhin sich eine unerwartete Tür öffnete.

Was wir als Gesellschaft tun können

Das Gespräch mit Oliver macht eines deutlich: Wir dürfen Menschen mit ihrer Einsamkeit nicht allein lassen.

  • Männliche Einsamkeit ernst nehmen: Männer haben oft dünnere soziale Netze als Frauen. Wenn der Zugang zu Sexualität fehlt, fehlt oft jegliche Form von körperlicher Nähe.
  • Enttabuisierung: Wir müssen offener über sexuelle Frustration sprechen, ohne die Betroffenen sofort als „Creeps“ abzustempeln – solange sie sich respektvoll verhalten.
  • Alternativen aufzeigen: Angebote wie Kuschelpartys (Berührung ohne Sex) oder professionelle, legale Sexarbeit können Ventile sein und legitime Wege, um Nähe zu erfahren.
  • Begegnungsräume schaffen: Wir brauchen Orte, an denen Menschen sich jenseits von Dating-Apps (die oft frustrierend sind) begegnen können. Hobbys, Vereine (wie Mensa, wo Oliver aktiv ist) oder Stammtische.

Fazit

Olivers Geschichte zeigt, dass sexuelle Frustration schlimm ist, aber nicht zwangsläufig zu Hass führen muss. Der Schlüssel liegt in der Begegnung – mit anderen, mit dem anderen Geschlecht auf Augenhöhe und mit sich selbst.

Hör dir für die Details die ganze Folge an.