📌 Themen dieser Folge:
- Ursprung der Haltung in Systemik und GFK
- Verhalten als Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse (nach Rosenberg)
- Wichtige Grenze: Verstehen ≠ Rechtfertigen – keine Absolution für Gewalt
- Was gemeint ist: der „normale Alltagswahnsinn“ statt Extremfälle
- Nutzen im Konflikt: weniger Rechthaberei, mehr Lösungsorientierung
- Auf sich schauen: eigene Gefühle anerkennen, Bedürfnisse klären und sagen
- Rücksichtsvoll verhandeln: Konflikte als normal anerkennen
- Schlussimpuls: Perspektivwechsel – oft handelt jemand „für sich“, nicht „gegen dich“
💡 Das Wichtigste in Kürze:
- Die Haltung „Jede Person ist okay…“ unterstützt Empathie und Handlungsfähigkeit.
- Verhalten als Bedürfnis-Ausdruck sehen hilft, nicht vorschnell zu moralisieren.
- Klare Grenze: Kein Freifahrtschein für Gewalt, Machtmissbrauch oder Illegales.
- Statt Schuldbeweise zu sammeln: bei dir bleiben, Wünsche klar äußern.
- Dialog auf Augenhöhe vermindert Eskalation und öffnet den Raum für Lösungen.
🔗 Links & Ressourcen zur Folge:
- Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg
- Marshall B. Rosenberg – Gewaltfreie Kommunikation (Wikipedia)
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Intro
Willkommen bei Mono, Poly & Co., dem Non-Profit-Wissens-Podcast für Beziehungen in allen Formen. Ich bin Sonja Jüngling, Paar- und Sexualberaterin und außerdem Beziehungsbegeisterte, Abenteurerin und Gegensatzaushalterin. Mein wundervolles Team und ich liefern dir frei Haus und kostenlos alles, was du für die individuelle Gestaltung deiner Beziehungen benötigst. Mit ganz praktischen Tipps, Insights und Interviews. Schön, dass du für dich losgehst. Nutz gern zusätzliche Unterstützungsangebote und schaff Raum für das, was dich bewegt. Und nun viel Spaß mit der heutigen Folge.
Begrüßung
Hallo zusammen, heute gibt es mal wieder eine Kurzfolge. Ich möchte heute meinen Satz mal ein bisschen erklären, den ich so oft sage, der aber für manche vielleicht wirklich herausfordernd ist. Der Satz lautet, jede Person ist okay, so wie sie ist und hat gute Gründe für alles, was sie tut. Der ist natürlich ziemlich plakativ und ziemlich verallgemeinernd und natürlich gibt es Situationen, in denen der nicht zutreffend ist. Er trifft aber meiner Meinung nach erstaunlich häufig zu. Ich möchte ein bisschen erklären, wo der herkommt. Also ich bin ja Systemikerin und ich arbeite viel mit der gewaltfreien Kommunikation. Und beiden Systemen ist gleich, dass sie davon ausgehen, dass jeder Mensch wertvoll ist. Und zwar gleichwertig wertvoll. Das heißt, egal was ich im Außen tue, ich bin nicht weniger oder mehr wert als du. Ich gehe mal noch nicht in die Extreme, kommt aber später bestimmt schon. Ob ich nun erfolgreiche Mutter und Karrierefrau bin oder Hartz-IV-Empfängerin und meinen Kindern eine narzisstische Persönlichkeitsstörung aufgepoppt habe. Ich bin nicht mehr oder weniger wert. Das ist meine tiefe Überzeugung. Wahrscheinlich fühle ich mich ein bisschen anders in den unterschiedlichen Situationen, aber ich bin nicht mehr oder weniger wert. Und Handlungen, die im Außen zu Problemen führen, die mit mir zu Problemen führen, sind, das sagt Marshall B. Rosenberg, der Gründer der gewaltfreien Kommunikation, nur tragische Ausdrücke eines unerfüllten Bedürfnisses. Also da kommt der Satz her, dass jede Person gleichwertig ist und gute Gründe hat für das, was sie tut, nämlich ein unerfülltes Bedürfnis. Mit jeder Handlung oder Nichthandlung erfüllen wir uns ein Bedürfnis und verwehren uns gleichzeitig ein Bedürfnis oder mehrere. Genau, da kommt der Satz her. Mir ist ganz wichtig zu sagen, dass der natürlich seine Grenzen hat. Denn jede Person hat gute Gründe für das, was sie tut. Also ich bin mir ziemlich sicher, dass jemand, der seine Ehefrau schlägt, das nicht aus Spaß macht. Und gleichzeitig ist es mir so wichtig zu sagen, dass nur weil es vielleicht gute Gründe gibt, dass noch lange keine Absolution der Handlung ist. Und wenn ich diesen Satz ausspreche, dann spreche ich nicht über Gewalttaten, über Machtübernahme, über das Schlechtbehandeln von Menschen, über Illegales. Dann rede ich über den ganz normalen Wahnsinn, der zwischen zwei Menschen im alltäglichen Leben passiert. Also ich rede davon, dass eine Entschuldigung nicht kommt oder dass ich nicht guten Morgen sage oder dass ich nicht den Wunsch meiner Partnerin erfülle. Über solche Sachen rede ich, wenn ich diesen Satz sage. Wenn ich sage, jede Person ist okay und hat gute Gründe für alles, was sie tut, sage ich nicht, es ist in Ordnung, Menschen zu vergewaltigen. Dann sage ich nicht, es ist in Ordnung, eine toxische Beziehung weiter fortzuführen, wenn ich die Person bin, die die Toxizität reinbringt. Es gibt da einfach ganz klare Grenzen. Und selbst wenn ich sage, auch diese Extrembeispiele haben gute Gründe, dann ist das noch lange keine Absolution für die Handlung, die dahinter steckt. Meiner Erfahrung nach ist es so, dass jede Handlung, die ich vornehme und auch jede Nichthandlung, erfüllt mir Bedürfnisse und verwehrt mir Bedürfnisse. Und erfüllt anderen Bedürfnisse und verwehrt anderen Bedürfnisse. Also etwas, das für mich richtig und gut ist, ist manchmal für andere Menschen richtig scheiße. Und wenn ich sage, jede Person ist okay, so wie sie ist und hat gute Gründe für alles, was sie tut, dann sage ich nicht, dass das in Ordnung ist, wie die Person sich verhält.
Wieso ist das so wichtig?
Wieso ist mir das so wichtig, das immer wieder zu sagen? Also erstens finde ich, gehen wir viel zu schlimm mit uns selber und mit anderen um. Wir sind viel zu oft im Misstrauen und im inneren Kritiker, im äußeren Kritiker. Und natürlich ist es vollkommen okay, Handlungen zu kritisieren, die mir auf die Nerven gehen, Fakten zu kritisieren, die mir auf die Nerven gehen oder Frust zu äußern. Das ist voll fein. Es bringt mich nur so gar nicht in meine Handlungsfähigkeit. Ich sage diesen Satz meistens dann, wenn es darum geht, eine Lösung zu finden. Und vor dieser Lösung darf gern die Anerkennung des Schmerzes sein, darf gern ein Repair sein, darf gern eine Entschuldigung sein. Und dann darauf zu gucken, okay, es gibt aber gute Gründe und jede Person ist gleich viel wert und ist nicht per se böse. Das hilft einfach, um den Blick auf die Lösungsebene zu bringen. Denn wenn ich das so handhabe, dann ist relativ klar, dass das, was die andere Person gemacht hat, was mir auf die Nerven geht oder mich sogar verletzt oder einschränkt, dass das vermutlich nicht gegen mich gemeint ist und gar nicht absichtlich mich einschränkt oder nervt, sondern dass es für die andere Person passiert. Denn jede Person hat gute Gründe für alles, was sie tut. Also wenn ich eine Strategie fahre, irgendeine Handlung mache, die anderen Menschen auf die Nerven geht, dann ist die Handlung zu 99 Prozent der Fälle nicht deswegen getan, weil sie anderen auf die Nerven fällt, obwohl das natürlich auch vorkommt, sondern weil ich mir damit ein Bedürfnis erfülle.
Nicht gegen dich sondern für sich
Das heißt, wenn eine andere Person etwas tut, was ihr auf die Nerven geht, dann geht sie nicht gegen mich, sondern für sich vor. Und das finde ich an dieser Aussage ganz wunderbar. Und wenn ich diese guten Gründe verstehe, dann habe ich vielleicht noch ein bisschen mehr Wohlwollen und ein bisschen mehr Geduld, da einen Weg mitzufinden. Denn wenn ich empört oder frustriert bin, das sind völlig valide Gefühle, aber dann kann ich schlecht in die Lösung gehen, weil dann bin ich gerade im Gefühl. Jetzt will ich nicht sagen, dass ich nur in die Lösung gehen kann, wenn ich keine Gefühle habe, aber ich finde so Gefühle wie Frustration oder Empörung sind so laut, dass ich nur ganz wenig in die ergebnisoffene Verhandlung gehen kann mit mir oder mit der anderen Person.
Endlich loslassen
Das heißt, dieser Satz sorgt im Idealfall dafür, dass ich auf mich gucken und loslassen kann. Dass ich nicht mich darauf versteife, zu gucken, wie beweise ich der anderen Person, dass das falsch war, wie kann ich mein Recht bekommen, sondern da geht es darum, auf mich zu gucken und loszulassen. Die Person ist okay so und sie hat bestimmt gute Gründe für alles, was sie tut, aber für mich ist es scheiße und ich brauche was anderes. Und was sind meine guten Gründe? Was kann ich für mich tun? Und im Idealfall kann ich das rücksichtsvoll tun, ohne dass ich andere Menschen allzu sehr einschränke. Und manchmal geht das nicht. Wenn Menschen miteinander sind, haben sie Konflikte. Das ist völlig normal und liegt in der Natur der Sache. Und das, was ich tun kann, ist, diese Konflikte rücksichtsvoll, verhandlungsoffen anzubringen, ohne dass es eskaliert und wir uns gegenseitig wehtun. Und manchmal tun wir uns weh, auch wenn wir verhandlungsoffen und wohlwollend und alles sind.
Zusammenfassung
Genau, jetzt habe ich schon alles gesagt, was ich dazu sagen wollte und möchte nur nochmal erwähnen, wenn du an der Stelle, wenn ich diesen Satz mal wieder sage, dich nicht gesehen fühlst oder empört bist oder so, folg diesen Gefühlen ruhig. Also es wäre schön, falls du mir schreibst, dass du mich da nicht beleidigst oder angehst, sondern bei dir bleibst, in Ich-Botschaften sprichst und erklärst, warum das schwierig für dich ist und vielleicht sogar einen Wunsch äußerst, wie ich das in Zukunft anders machen kann oder besser einsortieren kann. Aber ich hoffe, dass ich mit dieser Folge dir ein bisschen geholfen habe, falls dich der Satz bisher nicht positiv erreicht hat, dich jetzt ein bisschen mehr positiv zu erreichen. Und es geht nicht darum, eine Absolution zu erteilen für das, was Menschen tun, was dir wehgetan hat oder dich genervt hat, sondern es geht darum, loszulassen, auf dich zu gucken und zu verstehen, dass die Handlung der anderen Person nicht per se gegen dich ist, sondern für die andere Person. Und was kannst du für dich tun? Was sind deine guten Gründe? Perspektivwechsel ist es am Ende. So, das war’s schon. Einen schönen Tag noch. Bis dann!
Outro
Wie schön, dass du bei der heutigen Folge dabei warst. Wir freuen uns, wenn du etwas Wertvolles mitnehmen konntest. Vielleicht magst du es dir kurz notieren? Gab es einen Aha-Moment? Möchtest du etwas vom Gesagten umsetzen? Gibt es jemanden, mit dem du die Folge diskutieren möchtest? Geh für dich los und mach dein Leben lebenswerter und vergiss nicht.
