📌 Themen dieser Folge:
- Haltung vorweg: Niemand ist „zu viel“ oder „nicht genug“ – beide Perspektiven sind valide
- Drei wiederkehrende Phänomene als Struktur:
- Unterschätzung der Tragweite: Kink berührt Kultur, Werte und Rollenbilder
- Hoffnung „es geht vorbei“: Warum Abwarten selten hilft
- Von der Spielpartnerschaft zum Netzwerk: wenn aus „Outsourcing“ Bindung wird
- Zwei Wege im Umgang: pragmatisches Parallelleben vs. polyamore Anerkennung
- Transparenz, Verletzungen und Reparatur: Würdigung, Zeit geben, Regeln neu aushandeln
- Einladung zur Reflexion und zum Austausch: Aha‑Momente sammeln und teilen
💡 Das Wichtigste in Kürze
- Bedürfnisse und Grenzen beider Seiten ernst nehmen, nicht beschwichtigen.
- Kink ist oft mehr als eine Praktik – teils Orientierung/Identität, selten „nur eine Phase“.
- Information, Zeit und bewusste Lernprozesse reduzieren Missverständnisse.
- „Outsourcing“ kann zu echter Bindung werden – dann braucht es neue, klare Absprachen.
- Transparenz erhöht Verletzlichkeit und verlangt Reparaturkompetenz.
- Beides ist legitim: klar geregeltes Parallelleben oder Integration ins Poly‑Netzwerk.
🔗 Links & Ressourcen zur Folge:
- Themenfolge zum Einstieg: #99 – B wie BDSM und Kink: von Schmerz, Macht, Bondage und Co
📣 Mitmachaktion
- Notiere deine Aha‑Momente aus der Folge und tausche dich mit Freundys oder in euren Communities darüber aus. Was passt zu euch, wo braucht ihr noch Infos oder Unterstützung?
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Credits:
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Zu Sonjas Beziehungs-Coaching und Blog-Beiträgen: https://sonjajuengling.de/
Intro
Willkommen bei Mono, Poly & Co., dem Non-Profit-Wissens-Podcast für Beziehungen in allen Formen. Ich bin Sonja Jüngling, Paar- und Sexualberaterin und außerdem Beziehungsbegeisterte, Abenteurerin und Gegensatzaushalterin. Mein wundervolles Team und ich liefern dir frei Haus und kostenlos alles, was du für die individuelle Gestaltung deiner Beziehungen benötigst, mit ganz praktischen Tipps, Insights und Interviews. Schön, dass du für dich losgehst. Nutz gern zusätzliche Unterstützungsangebote und schaff Raum für das, was dich bewegt. Und nun viel Spaß mit der heutigen Folge
Einleitung
So, hallo und willkommen in einer Praxisfolge zum Thema Kink Entdeckt. Und was nun? Ich habe dazu schon eine Themenfolge gemacht. Wenn du die noch nicht kennst, höre die vorher gerne, weil es da einen Einblick da rein gibt, wie das ganz praktisch gehen kann. Heute spreche ich über drei Phänomene aus meiner Praxis als Paarberaterin in Bezug auf dieses Phänomen. Mir ist wichtig, falls du eine Partnerperson von einem Kinkster bist, dass du einfach weißt, wenn du das nicht erfüllen kannst oder möchtest, heißt das nicht, dass du nicht passt oder dass du nicht genug bist. Das geht natürlich auch für die Person, die entdeckt, dass sie Kink will. Du bist nicht zu viel, du erwartest nicht zu viel, ihr beide seid okay, wie ihr seid. Auch Ausschlussgefühle. Meine Partnerperson beschäftigt sich mit einem Thema, zu dem ich keinen Zugang habe. Darfst du ernst nehmen und sind an vielen Stellen vielleicht überflüssig und tatsächlich ist das ja Realität. Also nicht alles, was meine Partnerperson gut findet, finde ich auch gut. Das heißt, sie wird sich da auch mit anderen Leuten unterhalten und ich habe einfach, wenn es um das Thema Sexualität geht, ja, eine andere Sichtweise darauf und im Grunde genommen einfach Pech gehabt, dass es eben nicht um Badmintonspielen geht, sondern um etwas, das üblicherweise innerhalb einer Beziehung gelebt wird, nämlich Sexualität, oder das ganz häufig innerhalb von einer Beziehung erlebt wird und auch exklusiv erlebt wird. Denn irgendwas passt immer schlecht. So, das war die Einleitung.
Drei Phänomene – Überblick
Und dann möchte ich jetzt die drei Phänomene schon mal benennen, die ich rausgesucht habe, weil die mir immer wieder begegnen. Das erste ist die Unterschätzung der Tragweite. Ist nicht einfach nur den Hintern verhauen lassen. Das zweite ist die Hoffnung der Partnerperson. Ach, das wird vorbeigehen. Es ist nur eine Phase. Und das dritte Phänomen ist, die Spielpartnerschaft wird zum Netzwerk und ganz heimlich und unerwartet für beide Personen. Das erlebe ich nämlich auch immer wieder.
1. Unterschätzung der Tragweite
Die drei Phänomene gehe ich jetzt im Detail durch. Also das erste war die Unterschätzung der Tragweite. Das heißt, oft denke ich, naja, es ist ja nur ein bisschen Sex, der ausgelagert wird. Das wird klein geredet und es wird auch sehr geschäftig betrachtet. Das ist eine Handlung und die hat mit dem Rest der Beziehung gar nichts zu tun. Es wird oft sehr faktenbasiert angegangen und ist aber insgesamt sehr emotional. Und wenn das so faktenbasiert angegangen wird, dann ist es oft zu schnell. Denn das ist nicht nur ein Auslagern von Sexualität, sondern ja im Grunde genommen eine andere Kultur, eine andere Lebensrealität. Und das bringt alle moralischen Pfeiler so ein bisschen zum Wanken. Mit den moralischen Pfeilern meine ich zum Beispiel das Nummer Eins-Denken. Es muss eine Nummer Eins geben, ein defizitärer Ansatz, der durch Kirche und das Patriarchat auch unterstützt wird. Es gibt nicht genug für alle, du kannst nicht alles haben. Und auch dieses klassische monogame Besitzdenken, du bist mein, ist eng an unser kapitalistisches patriarchales System geknüpft. Und das heißt, es geht total tief. Das ist mit unserer Lebensrealität total verwoben. Und wenn ich davon abweiche, dann ist das einfach groß. Und dann ist das nicht nur, ich lagere eine sexuelle Praktik aus. Für viele Menschen. Manche Menschen können das vielleicht gut trennen. Das heißt, da ist es wichtig, sich das bewusst zu machen, die Tragweite bewusst zu machen. Das sage ich ja immer, bewusst machen ist ja immer meine Standardlösung. Aber es ist wirklich so krass, was das für einen Unterschied macht. Und ich meine damit nicht, dass alle Monogamien übrigens Besitzdenken haben und Nummer eins denken. Es gibt auch durchaus sehr gelungene, gute, freiwillige, bewusste Monogamien. So, was ist jetzt die Lösung davon? Also es ist erstmal ganz wichtig, beide Seiten ernst zu nehmen. Also die Person, die sagt, naja, es ist ja nur ein Auslagern von einer körperlichen Handlung. Und die andere Person, die sagt, das ist so groß für mich, ich bin ein neuer Mensch. Ihr solltet euch beide gut informieren, ihr solltet euch beide Zeit nehmen und den Kulturunterschied lernen, falls er bei euch nötig ist. Wenn ihr das vielleicht nur innerhalb von professionellen Dienstleistungen auslagert, dann könnte es vielleicht sein, siehe Folge 1, dass es für euch sich gar nicht so groß anfühlt. Da sage ich im dritten Phänomen aber noch was zu. Das zweite Phänomen aus meiner
2. Es ist nur ne Phase
Praxis ist die Hoffnung, dass es vorbeigeht. Ja, ist nur eine Phase. Die Partnerperson kommt bestimmt wieder zur Vernunft. Ich muss nur warten. Es war ja vorher auch nicht da und kommt bestimmt nicht wieder. Ist halt wie so eine Krankheit, so ein kleiner Spleen und der geht schon wieder. Und außerdem, niemand kann das doch wirklich dauerhaft wollen. Das Thema wird also ignoriert und auch nicht prozessiert und es wird auch keine Energie da reingesteckt, sich darauf einzulassen. Und das schafft Abstand tatsächlich zwischen den Menschen, weil wenn ich eine Partnerperson habe, die der Mittelpunkt meines Lebens im Zweifelsfall ist und der wichtigste Mensch, da sind wir wieder beim Nummer eins denken, dann, also von meinem wichtigsten Menschen wünsche ich mir schon, dass er Interesse an dem entwickelt, was für mich wichtig ist. Und das treibt euch ein bisschen auseinander. Aber vor allen Dingen. Das ist eine anerkannte sexuelle Orientierung. Das geht nicht einfach so weg. Habe ich auch noch nie erlebt, dass es einfach so weg ist. Manchmal ist es sogar eine Identität. Ich habe das noch nicht erlebt, dass Menschen sagen, ach ja, jetzt habe ich das alles ausprobiert, kein Problem. Ach, das war alles gar nicht so lustig. Also es gibt durchaus auch Menschen, die wieder davon abkommen. Aber das sind Einzelfälle, zum Beispiel, wenn durch die Sexualität, die andere Sexualität schlimme Erfahrungen hochkommen und ich die nicht verarbeiten will. Oder aber auch, wenn alle total wohlwollend sind und die Person, die Kink leben will, sich total ausleben darf für ein paar Jahre und dann so gut wie alles erlebt hat und die Partnerperson immer noch sagt, ach nee, ist nichts für mich, aber ganz wohlwollend. Und die beiden dann, also das habe ich tatsächlich erlebt. Und die beiden dann einfach nochmal drauf gucken, wie wichtig ist mir das? Was können wir vielleicht doch integrieren? Und dann die Beziehung wieder geschlossen wird, weil der Wunsch ins Außen dann doch nicht so groß ist. Aber das sind wirklich Ausnahmefälle. Die meisten Menschen, die Kink für sich entdecken, wollen am Ende nicht mehr ohne es leben. Und deswegen, also die Hoffnung, es geht vorbei, ist nicht günstig. Aber je nach Ausprägung kann es natürlich sein, dass es gar keine so große Sache ist.
3. Spielpartnerschaft wird mehr
Das dritte Phänomen ist, die Spielpartnerschaft, die eigentlich nur sexuelle Lüste bedienen sollte, wird zum Netzwerk. Und ich habe das in der Einleitung schon gesagt, ganz überraschend für beide und das meine ich wirklich so. Also ganz oft ist es so, dass Menschen dann eben, weil etwas gut war, immer wieder zu derselben Person gehen und dann irgendwann feststellen, ja, im Rahmen der Sexualität oder dieser regelmäßigen Treffen reden wir auch über andere Dinge und plötzlich gibt es auch asynchrone Kommunikation, wenn das nicht unterbunden wird. Und naja, die Treffen werden dann vielleicht häufiger. Vielleicht ist mal eine Übernachtung dabei. Und zup, stellt man fest, diese Person, da verhaut mir nicht nur den Hintern, sondern irgendwie ist die auch ganz schön wichtig geworden. Und dann muss es auch die Partnerperson hören. Also das startet ganz unschuldig als Auslagern von Praxen und dann gewinnen die Menschen ganz unbemerkt von beiden Wichtigkeit. Das passiert tatsächlich relativ häufig. Ich kann nicht sagen in 90 Prozent der Fälle, weil es muss halt auch passen. Und manchmal können die Menschen auch gegensteuern, weil sie das früh merken und dann reduzieren sie den Kontakt und lassen vielleicht auch mal eine andere Person einfließen und so, aber das passiert schon relativ regelmäßig. Und dann gibt es zwei Optionen. Die Option eins ist, das Parallelleben wird akzeptiert. Es gibt eine zusätzliche Partnerperson, die für ganz bestimmte Bereiche zuständig ist und es gibt dann so eine Art, ja, wie so eine Dienstleistung. Ja, das wird ausgelagert, das ist sehr faktenorientiert und. Das heißt, das ist wie so ein Parallelleben, das wird auch nicht groß an die große Glocke gehängt und im Grunde genommen, oft ist es dann auch so, dass sexuelle Handlungen ausgeschlossen sind und im Grunde genommen bleiben die beiden im Kopf mono. Das ist natürlich schön bequem, da braucht man sich mit der anderen Kultur nicht großartig auseinanderzusetzen, obwohl Teile davon sicherlich einfließen müssen, und man braucht sich auch mit der Stigmatisierung und so nicht auseinandersetzen und wenn beide das gut schaffen, das erlebe ich durchaus immer mal wieder, dann kann das Parallelleben akzeptiert werden rund um die sexuelle Praktik, die in der gemeinsamen Beziehung nicht gelebt werden kann und im Grunde genommen muss sich gar nicht großartig was ändern, wenn das eben in denselben Bahnen bleibt und die Person nicht wichtiger und wichtiger und wichtiger wird. Die Option zwei ist, dass es ein echtes Poly-Leben gibt, also dass die Person als wichtige Person im Netzwerk anerkannt wird, dass die vielleicht auch zu Weihnachten oder zu Geburtstagen kommt und dann ist es auf jeden Fall spätestens dann nötig, sich mit der Poly-Welt auseinanderzusetzen, mit einem anderen Umgang von Transparenz, mit einem anderen Umgang von Freiwilligkeit, mit einem anderen Umgang von Abhängigkeit, mit einem anderen Umgang von Verletzungen. Also wenn ich transparent bin, dann werde ich Verletzungen nicht mehr vermeiden können. So ist das einfach, wenn ich transparent damit bin, dass ich lieber mit der einen Person als mit der anderen zusammen bin oder lieber mit der einen Person das mache als mit der anderen Person, dann kann das verletzend sein. Und da ins Anerkennen, Repair und wie gehen wir damit in Zukunft um zu gehen, das kann anstrengend sein. Genau, also die Option zwei, wenn die Person wichtig und zum Netzwerk wird, ist eben, dass es ein echtes Polyleben gibt. Das muss nicht gleich eine zweite vollwertige, gleichwertige, verbindliche Partnerschaft sein. Aber die Person hat halt auch Bedürfnisse und es gibt eine Verbindung zwischen diesen beiden Menschen, die weit über die sexuelle Praxis hinaus Bestand hat. Und das braucht einfach Raum, das braucht Würdigung. Und da darf man gern gucken, wie das funktionieren kann.
Zusammenfassung
Das waren die drei Phänomene. Unterschätzung der Tragweite, Hoffnung, es geht vorbei und die Spielpartnerschaft wird zum Netzwerk. Ich hoffe, dass ich dir das alles so mitteilen konnte, dass du was damit anfangen kannst. Wenn dir was fehlt, sprich uns gerne an. Und wir würden uns voll freuen, wenn ihr in irgendwelchen Foren oder Gruppen über MoPoCo redet. Verweise auf uns macht, wenn euch die Inhalte gefallen. Und Lobhudeleien dort hinterlasst, auf das uns noch mehr Leute finden. Und natürlich dürft ihr die Lobhudeleien auch gerne an uns verschicken Und jetzt wünsche ich einen fantastischen Tag. Bis dann! Wie schön, dass du bei der heutigen Folge dabei warst. Wir freuen uns, wenn du etwas Wertvolles mitnehmen konntest. Vielleicht magst du es dir kurz notieren? Gab es einen Aha-Moment? Möchtest du etwas vom Gesagten umsetzen? Gibt es jemanden, mit dem du die Folge diskutieren möchtest? Geh für dich los und mach dein Leben lebenswerter. Und vergiss nicht, jede Person darf fühlen, was sie fühlt und hat gute Gründe für alles, was sie tut. Also sei verständnisvoll mit dir und mit deinen Herzensmenschen. So geht alles leichter.
